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“Go to the limits of your longing” – L’abîme en face

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
daß ihre Schatten ausgespann
timmer mich ganz bedecken.

Laß dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand.

God speaks to each of us as s/he makes us,
then walks with us silently out of the night.

These are the words we dimly hear:

You, sent out beyond your recall,
go to the limits of your longing.
Embody me.

Flare up like flame
and make big shadows I can move in.

Let everything happen to you: beauty and terror.
Just keep going. No feeling is final.
Don’t let yourself lose me.

Nearby is the country they call life.
You will know it by its seriousness.

Give me your hand.

(Rilke’s Book of Hours, I, 59)

    Rainer Maria Rilke

  Das Stunden-Buch

translation by Anita Barrows and Joanna Macy

When I go toward you…

Du wirst nur mit der Tat erfaßt;
mit Händen nur erhellt;
ein jeder Sinn ist nur ein Gast
und sehnt sich aus der Welt.

Ersonnen ist ein jeder Sinn,
man fühlt den feinen Saum darin
und daß ihn einer spann:
Du aber kommst und giebst dich hin
und fällst den Flüchtling an.

Ich will nicht wissen, wo du bist,
sprich mir aus überall.
Dein williger Euangelist
verzeichnet alles und vergißt
zu schauen nach dem Schall.

Ich geh doch immer auf dich zu
mit meinem ganzen Gehn;
denn wer bin ich und wer bist du,
wenn wir uns nicht verstehn?

Rainer Maria Rilke, Das Stundenbuch
1.10.1899, Berlin-Schmargendorf

Only in our doing can we grasp you.
Only with our hands can we illumine you.
The mind is but a visitor:
it thinks us out of our world.

Each mind fabricates itself.
We sense its limits, for we have made them.
And just when we would flee them, you come
and make of yourself an offering.
.

I don’t want to think a place for you.
Speak to me from everywhere.
Your Gospel can be comprehended
without looking for its source.
.

When I go toward you
it is with my whole life.
...
.

I, 51 Rilke’s Book of Hours
Translated by Anita Barrows & Joanna Macy

What will you do, God, when I die?

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)

Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

Nach mir hast du kein Haus, darin
dich Worte, nah und warm, begrüßen.
Es fällt von deinen müden Füßen
die Samtsandale, die ich bin.

Dein großer Mantel lässt dich los.
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
warm, wie mit einem Pfühl, empfange,
wird kommen, wird mich suchen, lange -
und legt beim Sonnenuntergange
sich fremden Steinen in den Schoß.

Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.

Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

What will you do, God, when I die?

What will you do, God, when I die?
I am your pitcher (when I shatter?)
I am your drink (when I go bitter?)

I, your garment; I, your craft.
Without me what reason have you?

Without me what house
where intimate words await you?
I, velvet sandal that falls from your foot.
I, cloak dropping from your shoulder.

Your gaze, which I welcome now
As it warms my cheek,
Will search for me hour after hour
And lie at sunset, spent,
On an empty beach
Among unfamiliar stones.

What will you do, God? It troubles me.

Rilke, The Book of Hours I, 36

photo Margot Krebs Neale

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.

Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und groß
und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
löst es die Seele los...

Rainer Maria Rilke, 20.9.1899,
Berlin-Schmargendorf

The hour is striking

The hour is striking so close above me,
so clear and sharp,
that all my senses ring with it.
I feel it now: there’s a power in me
to grasp and give shape to my world.

I know that nothing has ever been real
without my beholding it.
All my becoming has needed me.
My looking ripens things
and they come toward me, to meet and be met
...

–Rilke’s Book of Hours
(translated by Johanna Macy & Anita Barrows)

Another translation this time by Fulicasenia

Then bends down the hour and strikes me...

Then bends down the hour and strikes me
With a clear, metallic blow:
My senses tremble: I feel: I can--
And I grasp the ductile day.

Nothing was yet completed, before I glimpsed it;
Every becoming stood still.
My gaze is ripe, and like a bride
There comes to each one that which he will.

Nothing is too small for me and I love it nonetheless
And paint it on a golden ground and large,
And hold it high, and I don't know for whom
It will set the spirit free...